Die Planung

Die Planung

Der Gedanke der Wohnstadt Asemwald wurde entwickelt. Die Diskussion kam in Gang.

Zeitachse der Planung

StN 7. Februar 1959 – „Hannibal“ vor den Toren Stuttgarts

Revolutionäre Planung als Beitrag zum großstädtischen Wohnungsbau – Die Visitenkarte an der Autobahn – auf öffentlichem Gelände


Kurzer Auszug aus einem Beitrag von Paul Louis Fischer:

„Wird Stuttgart nach dem Fernsehturm und der Liederhalle ein weiteres aufsehenerregendes Bauwerk neuzeitlicher Architektur und Planung erhalten? Über die Frage wird wohl in absehbarer Zeit eine heftige Debatte entbrennen. Wir sind nun heute in der Lage, der Öffentlichkeit zum erstenmal die Pläne dieses Projekts zu zeigen und eine Schilderung darüber zu geben, wie sich die Architekten das neue Bauwerk von gigantischen Ausmaßen vorstellen und warum sie auf diese Idee gekommen sind. […] Die Architekten Diplomingenieur Otto Jäger und Diplomingenieur Werner Müller […] versuchen Dinge, die jenseits der verwertbaren Erkenntnisse des Bauwesens liegen. […] Von welchen Gedanken ließen sie sich leiten? […] Hier die Antwort: „Der Wohnungsbedarf von fast 40 000 Wohnungen in Stuttgart läßt sich auf dem vorhandenen Baugelände, ohne den Waldbestand anzugreifen, niemals befriedigen, wobei die Vielzahl der Bausparer noch nicht einmal berücksichtigt ist. Dieser Kreis wurde bei Vergabe öffentlichen Baugeländes so gut wie gar nicht berücksichtigt…Das vorgesehene Baugelände wurde vor Jahren von der Stadt Stuttgart über die württembergische Hofkammer zweckgebunden für den Wohnungsbau erworben. Von den fast 20 Hektar Boden würden für das Projekt „Hannibal“ etwa zehn Prozent benötigt. […] Ungeachtet aller möglichen Bedenken bietet unser Projekt für den Einzelnen und die Allgemeinheit so viel unwiderlegbare Vorteile, daß man auf Dauer nicht umhin kommen wird, die Realisierung eines solchen Projekts näher zu treten.“ Dennoch Eigenheimcharakter Die große Überraschung ist, dass trotz gewaltiger Massierung … jeder Partie, die sich von 57 bis 150 Quadratmetern erstrecken kann – das Gefühl des Eigenheims zu vermitteln. … Selbstverständlich ist durch die große Serie möglich, jede Wohnung mit einer ausgeklügelten, geräumigen Einbauküche zu versehen, deren Ausstattung dem .. Luxuswohnbau vorbehalten blieb. Trockenen Fußes einkaufen Die Bewohner des „Hannibal“ wollen natürlich auch mit den nötigsten Dingen des täglichen Bedarfs versorgt sein. Und deshalb ist vorgesehen, in den Kolonaden im Erdgeschoß Ladengeschäfte einzurichten.

Quelle: Landtag Baden Württemberg DOKUMENTATIONSDIENST ARCHIV

Deutsches Volksblatt 8. April 1959 – CDU-Fraktion gegen „Hannibal“

Das Projekt „Hannibal“ steht heute morgen in einer gemeinschaftlichen nicht öffentlichen Sitzung des technischen Ausschusses und des Wirtschaftsausschusses des Stuttgarter Gemeinderates erneut zur Debatte. Inzwischen wurde es auch von allen Fraktionen beraten. Als einzige Fraktion hat sich bisher die CDU gegen den Bau der „Wohnfabrik“ ausgesprochen. Neben rein städtebaulichen Erwägungen haben bei dieser Entscheidung der CDU Grundsatzfragen eine große Rolle gespielt.


Die CDU plädiert auf Bundesebene für familiengerechtes Wohnen in eigenen Häusern. Diesen Grundsatz können die CDU-Politiker in der Kommunalpolitik nicht verleugnen und müssen deshalb dieses überdimensionale Wohnkollektiv ablehnen.


Obwohl mit „Hannibal“ dem sozialen Wohnungsbau in Stuttgart kaum gedient werden kann, soll die SPD diesem Bauvorhaben wohlwollend gegenüberstehen. Die DVP-Fraktion erklärte bislang, sie habe noch keinen Beschluß gefaßt. Die Bewohner von Schönberg, die dem vorgesehenen Gelände im Asemwald, auf dem Hannibal errichtet werden soll, am nächsten sind, haben sich bereits gegen den Bau ausgesprochen. Sie sind der Meinung, daß ein so großer Wohnblock nicht in die Landschaft am Asemwald passe. Auch der Birkacher Bezirksbeirat ist nicht sehr begeistert von dem Bau einer „Wohnfabrik“. In Forstkreisen wurden ebenfalls erhebliche Bedenken gegen das Projekt geäußert. Hier ist man der Meinung, daß die Wand aus Stein und Glas auf der lichten Anhöhe allzu stark zum beherrschenden Element werde und sich negativ auf die Umgebung auswirke.


Nun werden sich heute die beiden Ausschüsse des Gemeinrates darüber klar werden müssen, ob die angeblichen Vorteile, die mit einem so großen Wohnblock verbunden sein sollen, die allzu offensichtlichen Nachteile aufwiegen können.


Der CDU-Kreisverband Stuttgart hat Anfang der Woche in seiner Delegiertenversammlung zu dem Projekt „Hannibal“ eine Entschließung gefaßt, deren Wortlaut wir am Dienstagabend zu Veröffentlichung übermittelt bekamen. Er lautet: „Der Bau von modernen Eigentumswohnungen wird grundsätzlich befürwortet.
Jedoch wurde die CDU-Fraktion des Gemeinderats aufgefordert, die Errichtung dieses Mammutblocks auf den Fildern abzulehnen, den eine Zusammendrängung von mehreren tausend Menschen in einem einzigen Gebäude müsse zu einer Belastung der mitmenschlichen Beziehungen führen. Dieser Nachteil werde durch den Vorteil des technischen Komforts nicht ausgeglichen. Auch der geplante Standort des Wohngiganten erscheint noch problematisch.

Quelle: Landtag Baden Württemberg DOKUMENTATIONSDIENST ARCHIV

AZ 28. Oktober 1959 – Wohngigant „Hannibal“ grundsätzlich abgelehnt – Ein Gutachten gegen die Planer

Die Landesgruppe Baden-Württemberg der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung hat in einem jetzt veröffentlichten Kurzgutachten das von den Stuttgarter Architekten Otto Jäger und Werner Müller für 1200 Familien geplante, 650 Meter lange, 20 Meter tiefe und rund 50 Meter hohe Wohnhochhaus „Hannibal“ entschieden abgelehnt. Eine Häufung von Nachteilen, so heißt es in dem Gutachten, mache den vorgeschlagenen Grundriß unvertretbar und stelle außerdem einen Rückfall in Fehler dar, die von Städtebauern und Architekten bereits vor einer Generation aufgegeben wurden. „Hannibal“ eigne sich keinesfalls für Familien mit Kindern und auch nicht für breite Schichten mit geringen Einkommen.

In Folge des zusätzlichen technischen Aufwands und des außergewöhnlichen Aufwands für die Schallisolierung sei für den Giganten ein Kostenvorteil
kauf zu erwarten. Schon bei den bisherigen Wohnhochhäusern entstünden immer Mehrkosten gegenüber einer Gemischtbauweise. Diese Kosten würden sich bei „Hannibal“ zweifellos noch steigern.

Wohnwert außerordentlich gering

Der Wohnwert der schlauchförmigen „Hannibal“-Wohnungen wird von der Akademie als „außerordentlich gering“ bezeichnet, da sie durchschnittlich nur sechs Meter breit, 20 Meter lang und an den Schmalseiten ohne Belichtung seien. Die südlich gelegenen Wohnzimmer erhielten ihr Licht nur über Balkone. Die geruch- und wasserdampfbilden 1200 Küchen, Bäder und WC’s seien ferner als Innenräume auf künstliche Belichtung und Beleuchtung angewiesen. Alle nördlich gelegenen Wohn- und Schlafzimmer hätten kein Sonnenlicht. Ein weiterer Nachteil der meisten Wohnungen wird darin gesehen, daß die Schlafräume unterhalb und oberhalb der drei offenen Wohnhaus-Hochstraßen liegen.

„Hannibal“ nicht notwendig

Obwohl die Bauplatznot in Stuttgart sehr groß sei, bestehe für die Wohnform „Hannibal“ keine Notwendigkeit, stellen die Gutachter weiter fest. Die Bauplatznot in Stuttgart beruhe nicht auf dem Mangel an ausgewiesenem Baugelände, sondern nur auf der fehlenden Bereitschaft zum Verkauf zu erschwinglichen Preisen. Werde die Grundform des modernen Städtebaus eingehalten, bei der die Baunutzungsziffer für ein bestimmtes Gebiet unabhängig von der gewählten Bauweise errechnet wird, ergebe sich für „Hannibal“ kein Vorteil gegenüber einer Siedlungsform, dies sich dem Bedarf entsprechend in Flach- Mittel und Hochbau gliedere.

Quelle: Landtag Baden Württemberg DOKUMENTATIONSDIENST ARCHIV